Skip to content

ALTON

Personal tools
Home » Roland Alton » Rolog » Neunundreissigneunzig

Neunundreissigneunzig Neunundreissigneunzig

Document Actions
Submitted by ras on 2006-01-15 21:39
Der Zündstoff "39,90" im Landestheater erstickt am Versuch, diesen als Spaßkomödie zu vermitteln.

Das Landestheater Vorarlberg widmet sich mit dem Stück "39,90" den neuen französischen Gesellschaftsanalytikern, die ihre Überlegungen zur Globalisierung und dem Endsieg des Kapitalismus in Romane verpacken. Ganz in der jungen Tradition der Autoren Houllebecq oder Camille de Toledo bringt Frédéric Beigbeder die Widersprüche des Lebens in den Nullerjahren rasch auf den Punkt: Arbeiten bis zum Umfallen, Auszehrung der Beziehungen und Ablenkung durch Exzesse. Die Figuren leben einen abstossenden Hedonismus trotz der Einsicht, dass dies auf Kosten anderer geschieht. Auf Kosten von Menschen, die entweder weit entfernt unter unmenschlichen Bedingungen Werte schaffen, die wir zu allem Überfluss trotzdem konsumieren, oder ganz nah auf Kosten von Kollegen, Partnern oder Nachbarn, die respektlos ausgepackt, verschlungen und weggeworfen werden.

Bei "39,90" geht es um einen Werbetexter, der zum Kreativdirektor einer Agentur wird, deren größter Kunde ein Lebensmittelkonzern ist. Leicht-Joghurt muss als Umsatzträger zuerst die Konsumenten, und dann die Aktionäre beglücken. Als der Protagonist Octave befördert wird, sinniert er: "Wir werden unsere Freunde feuern. Wir werden größenwahnsinnig und schamlos sein. Wir werden unsere Hemden bis oben hin zuknöpfen. Wir werden uns zwar einen Dreck drum kümmern, aber keiner unserer Verwandten und Bekannten wird uns mehr besuchen." Abseits der Dreharbeiten überfällt er mit seinem besten Kollegen und der Hauptdarstellerin im Joghurt-Clip eine betuchte Rentnerin, denn ihr Pensionsfonds mergelt die gewinnbringenden Unternehmen aus. Den Aktionärsvertretern, deren Reichtum sie verdankt, sind 10% Gewinn nicht genug - sie wollen Gewinnsteigerungen mit allen Mitteln, was Abwanderungen von Betrieben und Sozialdumping zur Folge hat.

Die Inszenierung von Christian Himmelbauer scheitert leider am Versuch, sämtliche Ebenen des Romans umzusetzen. Etwa die Flucht der ehemals geliebten mit dem totgeglaubten Chef auf eine Insel, wo alle Bewohner eine neue Identität genießen, die im Theaterstück aus dem Rahmen fällt. Oder die fiktiven Werbeeinschaltungen, die zusammenhangslos rezitiert werden, im Buch jedoch als Kapiteltrenner funktionieren. Die häufigen Umbauten wollten vielleicht die Unruhe der Werbebranche vermitteln, haben aber eher einen Slime-Effekt, der das Stück klebrig macht. Der oftmalige Medienwechsel (Audio, Video, Telefon, Bühne) war passend verzahnt, leider (zumindest noch in der Generalprobe) technisch aufgrund der starken Lautstärkeunterschiede und der falschen Positionierung der Tonquellen nicht adäquat umgesetzt.

Schade, dass ein so brisantes Stück die Zielgerade nicht schafft. Nett gespielt, aufregende und gut gemachte Videos, lustige Einlagen. Herr Petermichl hat als Dramaturg des Stücks und Intendant des Hauses dem Probenpublikum vor allem Spaß gewünscht und nicht Katharsis. Ist läuternde Erkenntnis, die durch Mark und Knochen gehen soll, am Bodensee unerwünscht?

39,90

Posted by Anonymous User at 2006-01-15 21:18
Schön ist es, ein widersprüchliches, schwieriges Thema aufzugreifen. Leicht ist es, am Theater an einem solchen Thema zu scheitern.
Zynismus vertragen Theaterbesucher/innen nur abseits der Bühne. Unterhaltung wiederum nur im Theater, im Gasthaus und vor dem Fernseher.
Spaß und Katharsis vertragen sich tatsächlich schlecht, Vergnügen und Katharsis können in Deckung gebracht werden. Doch wer will schon von seinen negativen Gefühlen befreit werdeen? Sie lassen sich doch spaßgewinnbringend verwerten?

Xyt

Posted by Anonymous User at 2006-01-17 17:45
Ohne Kenntnis des Buches wirkten die "Werbeblöcke" in Monologform wie wirre Gedanken, die eben durchgeknallten Werbefritzen so durch den Kopf schießen -was in einem dieser Monologeinlagen dann mit einer Pistole real zu geschehen scheint. Die Handlung wird daher auch etwas wirr. Viele (oder gar alle) Dialoge wurden einfach unbearbeitet aus der Romanversion übernommen, etwas freieres Umgehen mit der Vorlage wäre besser gewesen. Aber dennoch bringt das Stück Beigbeders Abrechnung mit der Werbebranche nachvollziehbar auf die Bühne und macht sie fürs Theaterpublikum konsumierbar. Zu kurz kommt leider seine Marketology- Globalisierungs-Kritik. Die wirkt als Monolog noch hölzerner als schon im Buch selbst.

insgesamt

Posted by Anonymous User at 2006-01-28 19:22
fand ich das Stück durchaus passend: Da ich das Buch nicht kenne, funktioniert es wahrscheinlich besser für mich. Ein Buch ist ein Buch, ein Theaterstück ein Theaterstück. DA gebe ich dem Regisseur Recht.
Allerdings war mir das Ende suspekt. Es kam einigermaßen wiespältig rüber, denn: warum sollte diese Gewaltorgie denn nicht pure Ironie sein, da sie doch von Personen verübt wurde, die eher selbst Zielscheibe von Aggressionen werden sollten und die von Ihnen angeprangerten Umstände durch ihre Arbeit erst möglich gemacht haben.
Trotzdem fand ich das nicht 100% logisch und eher unausgegoren. Oder war das der Einsatz von Sensationsmaterial zur Veranschaulichung der Mittel in der Medienaufmerksamkeit heute?